10. Tag: Langsam ankommen.

Ihr könnt euch sicher denken, dass das heute ein sehr emotionaler Tag war. Nach meiner Ankunft im Speyrer Dom kam ich mir irgendwie fehl am Platz vor. Zu viele Menschen, Weihnachtsmarkt, Straßenlärm – ich stand rum wie Falschgeld. Erst allmählich gewöhnte ich mich an den Gedanken, dass ich es tatsächlich geschafft hatte. Aber der emotionalste Moment war nicht meine Ankunft in Speyer, diesen Moment erlebte ich bereits heute Morgen kurz nach 8 Uhr …

Nach dem Frühstück bot Rudi mir an, mich zum Ausgangspunkt der heutigen Etappe zu fahren, unter der Bedingung, dass er mir etwas auf der Orgel vorspielen durfte. Da ich Orgelmusik gerne höre stimmte ich zu und dachte die Orgel steht bei ihm im Keller oder im Büro. Er sagte mir, ich solle mein Gepäck holen, wir würden dann fahren. Ich war etwas verwundert. Rudi lachte verschmitzt: „Wir fahren zur Kirche, weil dort die Orgel steht. Du musst wissen, ich bin seit über 40 Jahren der Organist von Mühlhausen.“ Ich war sprachlos.

In der schwach beleuchteten Kirche setzte ich mich ganz nach vorne und wartete. Stille. Dann begann Rudi zu spielen, nur für mich. Und ich weinte … viele „ungeweinte“ Tränen. Rechts von mir saß eine ältere Frau. Ich bemerkte sie erst, als sie aufstand und zu mir herüber kam. Sie schaute mir in die Augen und setzte sich neben mich. Zuerst war ich leicht genervt, da ich meine Emotionen gerade nicht so im Griff hatte. Die Frau sprach in ruhigem Ton mit mir und ich war höflich und nett. Da stand sie auf, nahm mein Gesicht in ihre Hände und fragte: „Darf ich sie segnen?“ Verdutzt nickte ich und sie zeichnete mir mit ihrem Finger ein unsichtbares Kreuz auf die Stirn. Was war das denn jetzt? Ich musste wieder heulen. Was war das nur für eine verrückte, mystische, spirituelle Pilgerwanderung? Als ich mich wieder etwas im Griff hatte, kam Rudi wieder zu mir herunter und fuhr mich zum Startpunkt meiner letzten Etappe. Zum Abschied musste ich ihn einfach in den Arm nehmen, diesen netten, wundervollen Menschen. Danke, Rudi!

Passend zum letzten Pilgertag, musste ich den „Kreuzweg“ zum Letzenberg hoch wandern. Auf dessen Bergkuppe steht die bedeutsame Wallfahrtskapelle Sieben Schmerzen Mariens. Ein mystischer Ort, wie ich fand. Es war zwar neblig und noch nicht richtig hell, doch den Ausblick von dort oben werde ich so schnell nicht vergessen. Den Abstieg nach Malschenberg auch nicht, denn da hat es mich der Länge nach hingelegt. Nasse Blätter auf Kopfsteinpflaster sind einfach fies. Zum Glück blieb die Hose ganz, nur das Knie ist jetzt bissl blau.

Insgesamt musste ich heute knapp 25 km zurücklegen, bis nach Speyer. Auf dem Weg gab es noch ein paar Kirchen, in denen ich mich wie gewohnt ausruhte. Über St. Leon-Rot gelangte ich nach Reilingen, Neu- und Altlußheim und schließlich nach Speyer. Auf der Salierbrücke überwältigte mich der Anblick des noch entfernt liegenden Doms. Ich blieb einfach stehen, wartete, bis ich mich wieder im Griff hatte und ging die letzten beiden Kilometer langsam auf den Dom zu.

Im Domgarten war mir definitiv zu viel los. Ständig quetschten sich Leute an mir vorbei. Es wurde geknipst: Familienfotos, Fotos mit Dom, Fotos vor der Kreuzigungsszene und was den Leuten sonst noch alles einfiel. Auf einer Bank saßen zwei Musiker und spielten französische Chansons. Ich gesellte mich zu ihnen, lauschte der Musik eine Weile und warf ihnen großzügig zwei Euro in den Hut. Dann schlenderte ich zum Dom und ging hinein. Mein Weg war zu Ende.

Was von diesem letzten Tag übrig bleibt:
1. Ungeweinte Tränen sollten geweint werden!
2. Ein Weg geht zu Ende, doch der „Camino“ noch lange nicht!
3. Dieser letzte Punkt gehört mir ganz alleine.

Etappenverlauf:
Malschenberg – Rot – St. Leon – Reilingen – Neulußheim – Altlußheim – Speyer (24 km)

Mehr Informationen zu diesem Weg gibt es hier: Jakobsweg Rothenburg o.d.T. – Speyer