6. Tag: Pilgern macht den Kopf frei!

Ankunft in Möckmühl, Nieselregen, es dämmert bereits.
Der Wettergott hat mir heute gezeigt, was er so alles drauf hat: Sonnenschein, Sturm, Regen – nur der Schnee hat noch gefehlt. Die Etappe habe ich dieses Mal wieder komplett geschafft, 19 Kilometer. Es fühlt sich an wie viel, viel mehr. Es waren recht steile Passagen dabei, die ich im Schneckentempo absolvierte. Am liebsten hätte ich den Rucksack einfach abgeworfen und wäre befreit weiter gelaufen.

Immer wieder konnte ich erhabene Blicke über das Jagsttal werfen – man sagt hier „Jagscht“ (Ich liebe Dialekte). Wie mag das erst im Frühjahr oder Sommer ausschauen? Bestimmt sehr idyllisch. Überhaupt gibt es entlang dieses Jakobswegs unheimlich viele hübsche „Jagscht“brücken, die ich ALLE überquert habe. Manche sogar mehrmals, wie z.B. in Berlichingen …

… denn in Berlichingen habe ich mich verlaufen. Irgendwie zeigten die Muscheln in eine andere Richtung, als es in meiner Wegbeschreibung aufgeführt war. Verlaufen ist echt bitter. Da tut einem jeder Meter weh. Ich bin vier Mal (!!!) über eine wirklich tolle „Jagscht“brücke geirrt. Sehr bitter. Aber hübsch isses, das kleine Berlichingen. Und überall findet man Spuren von dem alten Götz, durch dessen Geschichte ich mich zu Schulzeiten gequält habe. Und jetzt quälte ich mich ein wenig durch seine Heimat. Tze, das nennt man wohl späte Rache.

In einer Bäckerei in „Jagscht“hausen machte ich ein Päuschen, ich war deutlich auf Kaffee-Entzug. Außerdem fing es gerade an zu regnen. Mal wieder. Die Bäckersfrau freute sich richtig, als sie meine Muschel sah und erzählte mir Pilgergeschichten aus ihrem Bekanntenkreis. Und dann fiel ihr ein, dass sie ja auch Stempelstelle ist und schwups hatte ich einen neuen Stempel – einen roten. In diesem netten Dorf gibt es auch ein altes Römerbad, eine Ausgrabungsstätte. Das mache ich ja auch sehr gerne, alte Steinhaufen, Mauerreste und all so was anschauen. Das erinnert mich immer an meine Heimat mit den vielen Burgen, Ruinen und Felsen.

Der Weg nach Möckmühl ist bestimmt sehr schön. Leider habe ich wegen des miesen Wetters nicht viel davon gesehen. Es war regnerisch, neblig und alles irgendwie viel zu grau. Mütze und Kapuze schränkten mein Sichtfeld ein, sodass ich eigentlich immer nur den Boden vor mir gesehen habe.

Jetzt bin ich in einem chinesischen Hotel in Möckmühl, die Fenster scheinen nur Attrappe zu sein, denn ich höre die Straßengeräusche, als ob ich mit dem Bett auf dem Bürgersteig sitzen würde und so richtig warm wird es auch nicht im Zimmer. Ich vermisse mein Klosterstübchen. Nun denn, es ist Weihnachtsmarkt und ich hab Bock auf ein Würschtel und einen Glühwein oder swei oder rei …

Hm, was heute vom Tag übrig bleibt?
1. Beim Pilgern lernt man Demut!
2. Auf das Wetter kommt es erstaunlicherweise nicht an, sogar bei Regenwetter macht das Laufen Spaß.
3. Mein Kopf wird langsam frei von unnötigem Ballast – und genau das war das Ziel!

Etappenverlauf:
Kloster Schöntal – Berlichingen – Jagsthausen – Olnhausen – Widdern – Ruchsen – Möckmühl (18 km)

Mehr Informationen zu diesem Weg gibt es hier: Jakobsweg Rothenburg o.d.T. – Speyer