8. Tag: Wettlauf gegen die Dunkelheit

Ich nenne diese Etappe „Wettlauf gegen die Dunkelheit“ oder: „Wie ich über mich hinauswuchs!“ denn: Diese Etappe hat etwas in mir verändert. Doch dazu sage ich später noch was …

Mein erstes Ziel heute war die Stiftskirche St. Peter in Bad Wimpfen. Mittlerweile habe ich festgestellt, dass mir die alten geschichtsträchtigen Kirchen und Kapellen am besten gefallen. Für mich haben die so etwas wie eine Seele. In den neueren Gebäuden habe ich mich nie lange aufgehalten. Da fehlte mir einfach was. Komisch. Ist mir so noch nie aufgefallen. In der Stiftskirche auf jeden Fall hat es mir auf Anhieb gefallen. Es war früh am Morgen und es brannten nur Kerzen. Entsprechend war das Licht sehr spärlich. Doch gerade das gefiel mir und ich musste aufpassen, dass ich die Zeit nicht vergaß. Immerhin hatte ich eine Mammut-Tour vor mir. Also machte ich mich nach einer halben Stunde Stille und Innehalten wieder auf den Weg, Richtung Bad Rappenau.

Nach einem kleinen Mittagessen im Tennisclub Blau- Gelb Bad Rappenau e.V. setzte sich die nette Wirtin zu mir an den Tisch und spendierte mir einen Haselnuss-Nougat-Schnaps. Wir erzählten und erzählten und ich vergaß leider die Zeit dabei. Das musste ich später büßen.

Mein Weg führte von Bad Rappenau nach Grombach. Dort angekommen war ich völlig durchnässt und flüchtete mich in eine kleine Kirche. Wie es der Zufall wollte, kam ein älterer Herr rein und prompt machte er mit mir eine kleine Führung. Echt nett. Er meinte, nach Steinfurt – meinem geplanten Etappenziel – wären es sicher noch zwei Stunden Gehzeit. Es war schon 15 Uhr! Irgendwie hatte ich die Zeit in Wimpfen und Rappenau vertrödelt. Was jetzt? Das Problem war nämlich, dass dieses Stück durch den Wald führte und erst wieder in Steinsfurt Zivilisation war. Ich war schon soweit abzubrechen um mit dem Bus zu fahren. Mit beratender Unterstützung von Simone (sie hatte mir auf meiner Facebookseite ihre Hilfe angeboten) entschied ich mich dann doch für den Fußmarsch.

Mittlerweile war es 16 Uhr. Ich hatte eine Stunde Zeit, um diese Passage zu bewältigen! Eine Stunde für ca. 7-8 km, bevor es dunkel wurde. Ja, ich weiß, das war waghalsig, aber es hat sich gelohnt.
Im Wald angekommen, mit vertrautem Waldboden unter den Füßen wuchs ich über mich selbst hinaus – ich kann es nicht anders erklären. Ich glaube, ich war im früheren Leben mal ’ne Bergziege. Hoch auf den Berg zum Schloss Neuhaus, wieder runter und quer durch den Wald. Leider waren hier weder Markierungen, noch Hinweise in meinem Reiseführer. Also mit GPS weiter, teilweise joggend! Ich hatte eine wahnsinns Power. Und: Ich hatte keine Angst! Ich war voller Gottvertrauen – ohne Scheiß. Keine Ahnung, was heute mit mir geschehen ist, aber ich fühlte mich irgendwie beschützt. Irre, gell!
Ich sputete also mit dem Smartphone durch den sehr düster gewordenen Wald und war nach einer Stunde und 15 Minuten aus dem Wald wieder raus. Und was sah ich? Eine Pilgermuschel-Wegemarkierung. JETZT brauchte ich sie auch nicht mehr. Ich musste laut lachen und hab ihr zugerufen: „Du blöde Kuh!“

Von Weitem sah ich schon die Lichter von Steinsfurt und ich konnte es nicht glauben, dass ich es geschafft hatte. Wo hatte ich nur diese enorme Kraft hergenommen? Noch jetzt, während ich das hier schreibe, habe ich dieses Gefühl in mir. Hm, wie soll ich es beschreiben? Es ist ein Gefühl der Stärke und des Selbstvertrauens, das Gefühl, alles Erreichen zu können. Und schließlich auch ein Gefühl der Demut. Ja, Demut vor der Natur und „dem Göttlichen“. Und ich bin mir ganz sicher, dass mich diese Erfahrung heute im Wald im Innern verändert hat!

In Steinsfurt, es war bereits dunkel, steuerte ich wie magisch angezogen auf den Weihnachtsmarkt zu. Ein Stand gefiel mir besonders – gut, ich gebe es zu, es war der mit den hübschesten Männern – dort machte ich Halt und aß erst mal ein warmes Süppchen. Die Jungs waren neugierig, denn ich war erstens klatschnass und dann dieser Rucksack … Als die hörten wo ich herkam, brauchte ich kein Geld mehr. Es ging quasi alles aufs Haus: warmer Apfelpunsch, Kirschlikör und noch andere Liköre und Schnäpse. Alter Schwede …

Dann kam die Zimmersuche, die mich mindestens 5 km zusätzlich gekostet hat. Dabei geholfen hat mir eine 60-jährige Frau aus Südafrika, die hier seit 30 Jahren lebt. Ich hab sie einfach auf der Straße getroffen und sie hat mich einfach so begleitet. Das war irgendwie magisch. Wir haben uns auf Anhieb vertraut und uns gegenseitig das Herz ausgeschüttet. Zum Abschied haben wir uns in den Arm genommen. Danach ist mir aufgefallen, dass ich noch nicht mal ihren Namen weiß. Was für ein verrückter Tag! Übernachtet habe ich schließlich in Sinsheim im Hotel Zum Prinzen.

Hm, was bleibt heute vom Tag übrig?
1. Nichts geschieht einfach so!
2. Zwei Menschen können sich spontan sympathisch sein, sich gegenseitig ihr Herz ausschütten und danach wieder getrennte Wege gehen – einfach so!
3. Geben ist etwas sehr Schönes!

Etappenverlauf:
Jagstfeld – Bad Wimpfen – Bad Rappenau – Babstadt – Grombach – Neuhaus – Steinsfurt – Sinsheim (ca. 35 km inkl. Zimmersuche)

Mehr Informationen zu diesem Weg gibt es hier: Jakobsweg Rothenburg o.d.T. – Speyer