Wald ist nicht gleich Wald

Jeder Wald ist einzigartig und bietet seine eigenen charakteristischen Möglichkeiten Natur zu erfahren. Um einen Wald oder auch eine Region mit allen Sinnen zu erfassen, ist es wichtig, sich von gängigen Klischees und vorgegebenen Bildern zu lösen. Grundsätzlich begebe ich mich ohne Erwartungshaltung auf eine Wanderung, ich lese weder eine Tourenbeschreibung noch irgendwelche Erfahrungsberichte. Nur so kann ich mich mit all meinen Sinnen auf eine Naturlandschaft einlassen und werde nie enttäuscht sein, etwas nicht so erlebt zu haben, wie jemand anderes vor mir.

Regionen haben ihre typischen Merkmale und Besonderheiten, ihre Spezialitäten und Landschaftsbilder und … sie haben ihre Wälder. Wie unterschiedlich Wälder sein können, wurde mir im Mai bewusst, als ich in den Mittelgebirgen dreier Bundesländer auf Wandertour war: auf dem Moselsteig in Eifel und Hunsrück (Rheinland-Pfalz), auf dem Rothaarsteig und seinen Spuren im Rothaargebirge (Nordrhein-Westfalen) und auf dem Rennsteig im Thüringer Wald (Thüringen).

Es ist etwa 30 Jahre her, seit ich das letzte Mal in Thüringen war. Damals gab es die Mauer noch und das, was mir die ganzen Jahre in Erinnerung geblieben war, war die Farbe Grau. Eisenach war damals farblos, trist, menschenleer und einfach nur grau. Noch heute sehe ich die leeren und unscheinbaren Schaufenster vor mir, als wir durch die Straßen gingen. Als ich aber am 5. Mai in Eisenach aus dem Zug stieg, begann ich sofort damit, meine alten und staubigen Erinnerungen gegen lebendige und farbenfrohe Bilder auszutauschen. Während einer privaten Führung lernte ich Eisenach neu kennen und bin bis heute nachhaltig begeistert. Ich bedauere es sehr, dass ich nur einen halben Tag Zeit hatte, mir die Stadt anzuschauen. So steht sie jetzt auf meiner Reisewunschliste ganz oben und ich hoffe, dass es nicht wieder Jahrzehnte dauert, bis ich wiederkomme.

Mein viertägiges Wanderabenteuer im Thüringer Wald begann in Eisenach mit dem Aufstieg zur Wartburg. Eine Führung auf der Burg machte ich nicht mit, denn dafür hätte ich mich in eine scheinbar endlose Menschenschlange einreihen müssen, wofür mir die Zeit zu schade war. Tintenfleck hin oder her, ich wollte so viel wie möglich von der Region sehen. Nach einem kurzen Rundgang auf der Burg startete ich meine Wanderung auf dem Rennsteig. Schon nach den ersten hundert Metern war ich begeistert – nicht nur, weil der Steig um die Wartburg herum führte und immer wieder tolle Blicke auf die geschichtsträchtige Burg zuließ, sondern auch weil der Weg einfach traumhaft war. Es machte mir noch nicht einmal etwas aus, dass viele Leute unterwegs waren. Ganz im Gegenteil, man grüßte mich freundlich und ich fühlte mich richtig wohl. Die Sonne schien, es war warm, der Wind rauschte durch die hohen Bäume und ich merkte schnell, dass mich der Thüringer Wald in seinen Bann zog.

Von der Sängerwiese aus führte ein Weg hinunter zur Drachenschlucht, die auf meinem Wanderplan stand. Die Drachenschlucht liegt im Naturschutzgebiet „Wartburg – Hohe Sonne“ und „ist ein geologisches Naturdenkmal mit einem 198 m langen Klamm, dessen engste Stelle ca. 70 cm breit ist“, heißt es auf der Internetseite des Thüringer Walds. Der Weg zur Drachenschlucht führt durch das idyllische Mariental, immer entlang des ruhig plätschernden Marienbachs. Wasser beruhigt. Und so lustwandelte ich durch dieses reizvolle Tal und vergaß jegliches Zeitgefühl, bis ich vor dem „Eingang“ zur Schlucht stand.

Es war sehr eng und gefühlt 10 Grad kälter in der Schlucht. Auf Holzstegen und Gitterrosten marschierte ich verzaubert durch den engen Spalt zwischen den feuchten Felsen und bewunderte alles was an und auf den Felsen wuchs. Trotz des ständigen „Gegenverkehrs“ konnte ich in Ruhe fotografieren und filmen. Zum Glück hatte ich eine Jacke dabei, denn mittlerweile war es richtig kalt zwischen den etwa 10 Meter hohen Felsen. Etwa eine halbe Stunde dauerte die Durchquerung der Drachenschlucht. Es war ein unbeschreibliches Erlebnis, an das ich mich noch lange erinnern werde.

Informationen zur Fauna und Flora des Thüringer Walds findet ihr hier: Naturpark Thüringer Wald

Fortsetzung folgt!