Warum Scheitern ein Erfolg sein kann

„Warum tust du dir das an?“ Diese Frage wird mir sehr oft gestellt, wenn ich mich wieder einmal für einen Wandermarathon oder eine 24h-Wanderung angemeldet habe. Tzia, das frage ich mich selbst auch oft genug. Warum suche ich und Zillionen andere „Verrückte“ diese Herausforderungen und Grenzerfahrungen? Keine Ahnung was andere bewegt, aber ich möchte ab und zu wissen, wie leistungsfähig mein Körper noch ist. Und ja, es hat etwas mit dem Älterwerden zu tun.

Nun war ich also wieder einmal in Bernkastel-Kues, hielt meine Startnummer in der Hand und haderte mit dem Regen. In diesem Jahr bin ich nun wirklich schon oft durch Regen und Matsch gewandert. Das Teilnehmerfeld sah lustig aus. Mit den Kapuzen sahen wir alle aus wie Wichtelmännchen. Entsprechend war die Stimmung alles andere als trüb.

Plötzlich steht Ewald vor mir, meine nette Wanderbekanntschaft von letztem Jahr, eingehüllt in einen Regenponcho und mit Indiana-Jones-Hut auf dem Kopf. Wiedersehensfreude. Ewald war mit seiner Gruppe da und strotzte nur so vor Fitness – im Gegensatz zu mir. Schwupps hatte ich auch schon wieder ein Kräuterblatt in der Hand. „Da, probier mal!“ Essenstechnisch war also mein Überleben wieder gesichert.

Trotz Regen setzte sich das Teilnehmerfeld zügig in Bewegung und es dauerte nicht lange, bis ich mich im letzten Drittel befand. Gut, ich musste ja auch fotografieren und bloggen. Da genügen zwei Fotos und schon sind alle an einem vorbeigezogen. Zum Glück war ich mit diesem Schicksal nicht alleine. Gabriele Kiunke, Journalistin der Stuttgarter Zeitung, war als Liveberichterstatterin dabei und so wanderten wir gemeinsam dem Teilnehmerfeld hinterher.

Auf der Tagesetappe (44 km) warteten 8 Versorgungsstationen auf uns, wo wir uns ausruhen und stärken konnten. Die ersten Kilometer kannte ich bereits, denn die führten ein Stück am Moselcamino entlang, den ich im Februar gelaufen war. Es war ein komisches Gefühl wieder hier zu wandern, besonders mit einer völlig anderen Motivation. Umso erstaunlicher war es, dass ich den Weg auch komplett anders wahrnahm; eine sehr interessante Erfahrung.

Von der Landschaft dagegen nahm ich erst einmal nichts wahr, denn es regnete und alles war einfach nur grau in grau. Aber jeder der schon einmal bei Regenwetter im Wald war weiß, wie herrlich alles duftet. Bereits nach der ersten Station war ich begeistert von der Streckenführung: weiche Wege und Pfade, viel Natur und schöne Blicke auf die vertraute Mosel. Körperlich fühlte ich mich fit und war mir sicher, dieses Mal die über 80 Kilometer zu schaffen.

Wie bestellt kam gegen Mittag die Sonne raus. Alles war gut. Mittlerweile waren Gabriele und ich ganz hinten gelandet. Eigentlich kein Problem. „Eigentlich“, weil an vielen Versorgungsstationen die Verpflegung knapp wurde. Das ist vielleicht ein frustrierendes Gefühl, wenn man nur noch ein paar Reste bekommt und einem der Magen etwas vorknurrt. Liebe Veranstalter, dieses Problem solltet ihr für das nächste Mal in den Griff bekommen!

Das Ziel der Tagesetappe rückte näher und wir freuten uns riesig auf die Nudeln, die es zum Abendessen geben sollte. Die letzten 10 Kilometer haben mir unheimlich viel Spaß gemacht. Sonne, weiße Bauschewolken am blauen Himmel, sattes Grün überall und ich mit dem Fotoapparat lahm wie eine Schnecke dem Teilnehmerfeld hinterher wandernd. Das war mir so was von egal. Das Leben war schön und alles um mich herum war unwichtig.

Etwa 3 Kilometer vor dem Ziel haben wir uns dann noch verlaufen. Das war bitter, denn wir hatten da schon ca. 40 Kilometer hinter uns. Da tut jeder Schritt zuviel so richtig weh. Also wieder zurück, begleitet von einem traumhaften Sonnenuntergang über der Mosel. Unten in Bernkastel-Kues angekommen, marschierten wir am Moselufer entlang in die Abenddämmerung herein. Ein Traum! Das muss man einmal erlebt haben! Es kamen uns schon wieder die ersten Wanderer entgegen, die sich auf die Nachtetappe begaben. Ein bisschen beneidete ich sie. Nun ja, ich bin halt eine Wanderschnecke.

Nach 44 Kilometern kamen wir glücklich an der Turnhalle an. Ich wollte keinen Schritt mehr laufen, einfach nur essen und mich hinlegen. Alles andere war mir erst mal völlig egal. Nach etwa einer Stunde Ruhepause machten wir uns auf zur Nachtetappe. Erstaunlicherweise fühlte ich mich fit und erholt und freute mich auf die nächsten Wanderstunden. Also, Licht an und los ging es.

Kaum waren wir aus der Stadt draußen und nahmen den ersten Anstieg hinauf zum Bergrücken, fühlte ich plötzlich einen stechenden Schmerz im rechten Knie. Was war das denn jetzt? Ich versuchte den Schmerz zu ignorieren und ging einfach weiter. Es war so schön durch die Dunkelheit zu laufen. Überall sah man die Leuchten der Wanderer aufblitzen – irgendwie romantisch. Die Wegmarkierungen reflektierten unser Licht und so konnten wir problemlos den Pfeilen in den Wald folgen.

Bereits an der ersten Versorgungsstation waren meine Knieschmerzen so schlimm, dass ich am liebsten aufgegeben hätte. Es kämpfte in mir. Ich wollte es nicht wahrhaben, dass mir mein Körper Grenzen setzte. Nicht jetzt, nicht hier. Älter werden, körperliche Veränderungen, Gelenkprobleme – mit diesem Scheiß wollte ich mich jetzt nicht befassen. Ich wollte einfach nur diese Nachtetappe hinter mich bringen und am Ende stolz sein auf die absolvierten 84 Kilometer. Ich lief weiter.

Mittlerweile humpelte ich. Etwa 10 Kilometer bin ich unter Schmerzen durch die Nacht gelaufen, habe die flackernden Lagerfeuer an den Stationen kaum wahrgenommen und war total frustriert. An einer Station gab es keine Sitzgelegenheit. Das war bitter, denn mein Körper brauchte dringend eine kurze Erholungsphase. Die nächsten 7 Kilometer waren die Hölle. Zum Glück wanderten wir auf weichen Waldpfaden. Jemand lieh mir seine Stöcke, damit ich besser bergab gehen konnte. Hilfsbereitschaft. Freundliche Gesichter. Nachtwald. Und Schmerzen. Meine Wahrnehmung und gesamte Konzentration waren auf meine Schritte fokussiert. Ein Fuß vor den anderen, vorsichtig, mit Bedacht, bloß nicht stolpern oder ausrutschen mitten im Wald. Wirre Gedanken. Frustration. Dann, plötzlich, Klarheit: Was um alles in der Welt tat ich mir da an? Was brachte mir denn das alles? Die Antwort kam wie eine Erleuchtung: Nichts. Es brachte mir nichts.

Meiner Sturheit und meinem eisernen Willen opferte ich gerade meinen Körper, der mir signalisierte „Hör auf mich zu quälen und gib endlich auf“. Innerlich entschuldigte ich mich bei mir selbst, dass ich mir das angetan habe und ab diesem Moment fühlte ich mich ruhiger und entspannter. Ich nahm die Grenze an, die mir mein Körper schmerzhaft aufzeigte. An der nächsten Versorgungsstation angekommen schaute ich mir mein Knie an. Es war angeschwollen wie ein Tennisball. Meine Wanderung war zu Ende. Aber die Erkenntnis, dass ich die Grenzen meines Körpers nie wieder ignorieren werde ist geblieben.

Zum zweiten Mal bin ich also an der 24h-Wanderung gescheitert. Aber für mich war gerade dieses Scheitern ein Erfolg, denn es verhalf mir zu mehr Körperbewusstsein und brachte mich ein Stück näher zu mir selbst. Ja, es hatte etwas mit dem Älterwerden zu tun. Ich akzeptierte es.